„Während bisher wenigstens noch die Nächte ruhig geblieben
waren und man so in denselben doch die wichtigsten Grabenteile immer wieder in
Stand zu setzen vermochte, hielt vom 15. auf 16. Juli das Feuer auch die Nacht
hindurch an, so daß kaum mehr gearbeitet werden konnte. Als gar noch bekannt
wurde, daß die Franzosen Gas ins Hintergelände schossen, da erwartete man
bestimmt einen feindlichen Angriff auf den nächsten Morgen. Doch blieb dieser
aus. Um so kräftiger setzte dafür die Beschießung ein, alles Bisherige
übertreffend. Bis zum Abend waren die seither immer wieder hergestellte neue
vorderste Linie und sämtliche Verbindungen zu ihr vollständig verschwunden. Ein
Graben war nirgends mehr zu erkennen. In der alten 1. Linie war gleichfalls der
Graben fast vollständig zerstört. Nur das rechte Drittel war einigermaßen
erhalten. Noch drei Stollen waren benützbar. Selbst einzelne Leute, die sich
durch Bewegung den in geringer Höhe kreisenden feindlichen Fliegern verrieten,
wurden durch M.-G.-Feuer der Flieger und durch Feuerüberfälle der Artillerie
bekämpft. Die Postenbesatzung der 6. Kompagnie in der neuen 1. Linie, die
völlig schutzlos war, wich befehlsgemäß nach der alten vordersten Linie aus, da
sie sich vorn unmöglich mehr halten konnte. Schneidige Patrouillen unter
Vizefeldwebel Seitz und Unteroffizier Schad arbeiteten sich aber immer wieder
trotz des tollen Feuers durch das Trichterfeld ungefähr die frühere Linie
entlang durch und stellten fest, daß die feindliche Infanterie noch nicht
vorgegangen war. Als mit Einbruch der Nacht das Feuer etwas nachließ, wurde
hier eine durchlaufende Schützenkette in die Trichter gelegt. Auch begann man
eine Trasse zu ziehen, um die Verbindung innerhalb der Schützenkette zu
erleichtern. Fieberhaft wurde gearbeitet. Aber bald überzog sich der Himmel mit
Wolken; Regen setzte ein; es wurde stockfinster. Bei dem Graben nach zwei
verschütteten beliebten Kameraden, den Gefreiten Jucker und Werder, stieß ein
Mann mit dem Pickel auf Handgranaten, die krepierten und einige Leute verwundeten.
Endlich setzte auch seit 1 Uhr wieder stärkeres Artilleriefeuer ein. Da mußte
man mit dem Arbeiten aufhören. Das Feuer schwoll immer toller an. Noch einmal
überbot der Franzose gegen Tagesanbruch seine bisherigen Leistungen, die man
schon für das Höchstmaß gehalten hatte. In der Gegend der neuen vorderen Linie
konnte nichts mehr sich halten. In der Hauptsache war die 6. Kompagnie in den
letzten drei Stollen auf dem rechten Flügel von Stuttgart IV zusammengedrängt.hier fand nun am 17. Juli im Morgengrauen um 5.30 Uhr die
Ablösung durch die 12. Kompagnie des badischen Inf.-Regt. 112 mitten im
wildesten Feuerwirbel statt. Die Anordnung der Ablösung durch dieses Regiment
war schon am 15. Juli bekanntgegeben worden. In Erwartung französischer
Großangriffe sollte die Front wieder dichter besetzt, die 2. Landwehr-Division
auf ihren bis zum Frühjahr 1917 innegehabten Raum bis zur alten Stellung T
beschränkt und zwischen ihr und der 10. Inf.-Division die badische 29.
Inf.-Division eingeschoben werden. Nach dem Befehl der 2. Landw.-Division
sollte in der Nacht vom 16./17. Juli das III. Bataillon L. 125 in den
Bereitschaften und in der nächsten Nacht das II. Bataillon in der Stellung
abgelöst werden. Die Badener lösten aber innerhalb des Regimentsabschnitts flügelweise
ab, wodurch eine gewisse Verwirrung namentlich auch in den Befehlsverhältnissen
eintrat. So wurden die beiden Kompagnien in Stuttgart III und IV, die 5. und
6./L. 125, schon in der Nacht vom 16./17. Juli abgelöst und außerdem noch die
beiden Bereitschafts-kompagnien, 9. und 12./L. 125, im Höhenlager und im
Greinereck; dagegen blieben die 8. und 7. Kompagnie in Stuttgart I und II und
ebenso die 10. im Ruofflager, während die 11. Kompagnie als Bereitschaftskompagnie
ins Schwabenlager kam. Die Ablösung in Stuttgart III vollzog sich ziemlich
ordnungsmäßig; dagegen verzögert sich die in Stuttgart IV schon dadurch, daß
die 12./112 durch den Kaisergraben nicht vorkam und daher über den
Pfälzergraben und Stuttgart III ablösen mußte. So kam die Ablösung gerade in
das tollste Feuer hinein und geschah dementsprechend vollkommen ungeord-net.
Eine Übergabe der Stellung war nicht möglich. Der neue Kompagnieführer fand
sich gar nicht zu dem ablösenden Leutnant Reusch I von der 6. Kompagnie durch.
So blieben dieser und die Zugführer mit einigen Leuten in der Stellung, bis
endlich um 7.30 Uhr das feindliche Feuer plötzlich vorverlegt wurde und der
erlösende Ruf der Posten erscholl: „Sie kommen, sie kommen!“ Mit den jüngeren
Kameraden des aktiven Regi-ments beteiligten sich die Offiziere der 6. Kompagnie
und ihre paar Leute mit dem größten Eifer an der Abwehr des feindlichen
Angriffs. Im Infanteriefeuer brach dieser verlustreich vor der alten 1. Linie
vollkommen zusammen. Die Gegend der neuen 1. Linie hatte natürlich auch von der
ablösenden Kompagnie in dem furchtbaren Feuer nicht mehr besetzt werden können.
Das Trichterfeld blieb verloren und konnte auch schon deshalb gar nicht mehr in
Besitz genommen werden, weil links, wo inzwischen das badische Inf.-Reg. 142
hätte ablösen sollen, der Gegner sehr weit vorgedrungen war, wie sich später
herausstellte, bis in die Höhenstellung und teilweise darüber hinaus.
Durch den französischen Angriff wurde das Herausziehen des
Regiments aus der Front natürlich verzögert. Zunächst wußte man nicht, wie weit
der Gegner tatsächlich links vorgekommen war, da man von den dortigen
Befehlsstellen keine klare Auskunft erhalten konnte. Diese selbst wußten nicht,
wo die vordere Linie in ihrem Abschnitt verlief. Daher mußte man besonders für
den Schutz der linken Flanke sorgen. Auch war mit neuen Vorstößen des Gegners
in der Front, nämlich in Stuttgart IV, zu rechnen. So wurden zunächst die 10.
und die 11. Kompagnie vom Ruofflager und vom Schwaben-lager nach dem Höhenlager
vorgezogen, wobei sie durch das Artilleriefeuer, das auf allen Gräben lag,
manche Verluste erlitten. Dann wurde das Ruhebataillon I./L. 125 in die
Stellung vorgezogen, zwei Züge der 2. Kompagnie kamen in die 2. Stellung von
Stuttgart I und II, der Rest derselben und die 1. Kompagnie ins Ruofflager, die
3. ins Schwabenlager und die 4. ins Bayerndorf. Außerdem wurde die 3./L. 122
vom Nachbar-regiment zur Verfügung gestellt und als Sicherheitsbesatzung in das
Müllerlager gelegt. Endlich wurden auch die eben in das Ruhequartier
zurückgekehrten je zwei Kompag-nien des II. und III. Bataillons alarmiert und
zum Abmarsch in die Stellung bereitge-stellt; sie wurden dann aber nicht mehr vorgeholt.
Zu Beginn des Nachmittags wurde von der
Division ein Gegenstoß befohlen, der teils Neu-Stuttgart IV zurückgewinnen,
teils einen Gegenangriff der beiden linken Nachbar-divisionen von der Flanke aus
unterstützen sollte. Zu diesem Zweck wurde ein ge-mischtes Bataillon, bestehend
aus zwei Kompagnien vom Regiment 112 und der 10. und der 11./L. 125 unter
Hauptmann Brill bereitgestellt. Die beiden Kompagnien vom Regiment 112 sollten
vom Höhenlager und Alt-Stuttgart IV aus in südöstlicher Richtung angesetzt
werden, die zwei Kompagnien L. 125 als Reserven folgen. Zunächst mußte nun vor
allem der Verlauf der feindlichen Linie festgestellt werden. Diese Erkundung
führte der unerschrockene Leutnant Bopp von der 2. M.-G.-K. aus, wobei er sich
eine nicht ungefährliche Kopfwunde holte. Er stellte fest, daß die vorderste eigene
Linie in Stuttgart IV bis zum früheren Stollen 7 – an der einspringenden Ecke
östlich der Schneise Mittelgeräumt – der alten 1. Linie folgte, und von da etwa
den Trümmern des Königsgrabens entlang zurückbog, bis zur östlichen Fortsetzung
der Höhenstellung, wo ein M.-G.-Nest des Inf.-Regt. 142 gefunden wurde. Am
Nachmittag und Abend lag starkes deutsches Vorbereitungsfeuer auf der neuen
feindlichen Stellung, das vom Gegner gleichfalls recht kräftig auf die
deutschen Infanteriestellungen heimgezahlt wurde. Obwohl der Angriff der
Nachbardivision nun um ¾ Stunden verschoben wurde, setzte das Sturmbataillon
Brill auf Befehl der Division zur ursprünglich vorgesehenen Zeit um 9.30 Uhr
abends mit seinem Angriff ein. Aber das feindliche Artillerie- und M.-G.-Feuer
hielt den Vorstoß auf. Die von der Höhenstellung aus angesetzte Kompagnie des
Regiments 112 kam überhaupt nicht vorwärts und die von Stuttgart IV ausgehende
brachte zwar aus dem Gelände zwischen alter und neuer 1. Linie einige Gefangene
vom französischen Inf.-Regt. 335 ein; aber ihre Meldung, daß sie diese neue
Linie – d. h. die Gegend wo sie früher verlief – erreicht habe, erwies sich als
falsch, wie Leutnant Dongus (7./L. 125) in der Frühe des nächsten Morgens, des
18. Juli, durch eine kühne Patrouille feststellte.“
aus:
„Das Württembergische Landw.-Infanterie-Regiment Nr. 125 im Weltkrieg 1914-1918“,
Stuttgart 1926
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